allá, en la pampa

Vladi und Simon teilen sich ein Zimmer. Und sie teilen sich den Computer, auf dem sie Bomben entschärfen und Häuser bauen. Immer abwechselnd, den ganzen Tag.
Manchmal spricht mich Vladi an, jedes Mal mit den gleichen Worten.
„Allá, en Alemania“.
Dort, in Deutschland.
Ob es dort, in Deutschland Techno-Festivals gibt, denn die sind sein größter Traum. Mit Tausenden Menschen, betrunken vor einer riesigen Bühne.
Am nächsten Tag fragt er nach Meisterschaften im E-Sport, in großen Arenen. Dort könnte er anderen dabei zugucken, wie sie die Spiele spielen, mit denen er sich seine Tage vertreibt. Von all diesen Dingen träumt er schon lange, und all die Dinge gibt es,
„allá en Alemania“. In der Pampa gibt es sie nicht.
Außer Videospielen und schlafen gibt es nicht viel zu tun in Maria Susana, dem Dorf der Brüder. Einen Fußballplatz gibt es, eine Eisdiele. Und ein paar Jugendliche.
Sie wünschen sich eigentlich die selben Dinge wie ich und meine Freunde zuhause.
Wir alle sehen die selben Serien auf Netflix, hören die selbe Musik. Auf Instagram sehen wir die gleichen Posts. Von Disney- und Tomorrowland, von den selben Celebrities, die es von ganz unten nach ganz oben geschafft haben.
Es sind die Träume der Priviligierten. Alles scheint so unglaublich nah.
Für mich sind Vladis Träume nur eine Zugfahrt und eine Woche Minijob entfernt.
Ein Ausflug in den Sommerferien. Für die Jugend in der Pampa sind das Lichtjahre.
Simon redet jeden Tag von seiner Lieblings Fußballmanschaft, Bocas Juniors. Er singt die Hymne rauf und runter, kennt alle Spieler, und giftet sich mit seinen Freunden, die dem Erzrivalen River Plate angehören. Und er spricht jeden Tag davon, ins Stadion zu fahren, nach Buenos Aires. Dort könnte er mitgrölen um seine Idole zu sehen, fast zum Greifen nah. Doch der Traum ist unerreichbar. Buenos Aires ist weit weg, und das Ticket ist zu teuer. Und so bleibt er im Dorf und trägt im stillen Fanatismus das Trikot seines Vereins, fast jeden Tag. Ein Junge im Dorf verkauft sie.
Zwar gefälscht, aber billig.
Simon und seine Freunde leben in Maria Susana, einem Dorf, das laut Wikipedia 3478 Einwohner hat. Mitten in der argentinischen Pampa. Als Inbegriff der Einsamkeit ist Südamerikas Steppe auch bei uns in Deutschland zu einem feststehenden Begriff geworden.

Und Maria Susana scheint der Mittelpunkt der Einsamkeit zu sein. Es gibt nichts zu tun. Weit und breit nur Felder, Kühe und Strommasten.
Die Jugendlichen wollen weg. Und diejenigen, die es sich leisten können, sind schon längst Studieren in Rosario, der einzigen Großstadt weit und breit.
Mit dem Auto sind es vier Stunden auf der Autobahn. Jeden Montag fährt Simon, wie viele Jugendliche aus der Pampa, mit dem Reisebus in die Stadt. Dort besucht er eine Kochschule. Theoretisch gäbe es jeden Tag Seminare, doch die Uni ist teuer, die Anfahrt auch, und eine Wohnung in Rosario wäre es erst recht.
Simons Eltern können sich nur den Montag leisten, und so bleibt es für Simon bei einem Tag Rosario pro Woche, sein Bruder Vladi bleibt zu Hause. Bis vor ein paar Jahren war ihr Stiefvater noch der Besitzer des einzigen Supermarktes im Dorf. Als der argentinische Peso immer mehr an Wert verlor, konnte er sich die Miete nicht mehr leisten, er musste den Supermarkt verkaufen. Inzwischen ist er Vertreter für die Shampoo und Haargel-Marken, die früher in seinen Regalen standen. Händeringend versuchen alle so gut es geht, ihr Geld in Dollars zu tauschen, jeden Tag bekommen sie weniger für diesen Handel.

Inzwischen tauschen die Banken nur noch ein paar Dollar pro Woche, mehr geht nicht. Der neue Besitzer des Supermarktes muss immer öfter neue Preisschilder schreiben, der Kurs des Pesos stürzt und stürzt. Immer wieder gibt es Stromausfälle, manchmal kein Wasser im Dorf.
Simon und seine Freunde versuchen, jeden Tag aufs neue irgendwie zu überbrücken, aber schlussendlich passiert nichts. Sie vertreiben sich ihre Zeit mit Langeweile.
Man sperrt die Haustür nicht ab. Wenn jemand hereinkommt dann meist ohne Begrüßung. Wenn man sich verabschiedet dann in dem Wissen, dass man sich am nächsten Tag sowieso wieder genauso gleichgültig und selbstverständlich trifft wie am Tag zuvor.
Ein Monat im Dorf schien für mich schier unendlich. Ich war in Gedanken immer schon wieder zu Hause. Ich hatte einen konkreten Augenblick, bis zu dem ich mir meine Zeit vertreiben musste. Den haben die Anderen hier nicht. Alles scheint belanglos, alles existiert nur um zu existieren. Allein, oder zusammen, schlussendlich scheinen die Jugendlichen zu warten.
Darauf, dass sich etwas ändert, dass doch noch der wake-up call kommt, das Ende der Einsamkeit.
Doch die Zeit steht still in Maria Susana.