Zwischen den Jahren

Als der Lockdown kam, hatte ich gerade mein letztes Fotoprojekt beendet. Ich war zu Besuch bei meinen Eltern in Regensburg, um mich zu erholen, als die Tagesschau meldete, dass die Unis schließen. Begeistert über die Nachricht schrieb ich meinen Eltern auf dem Küchentisch einen Zettel: „Unis haben zu, bleibe vielleicht noch ein paar Tage länger.“ Vor lauter Tatendrang brachte ich den Satz nicht zu Ende, auf dem Zettel stand am Ende nur „bleibe vielleicht noch ein paar Ta-“.
Die Freude hielt nicht lange an. Irgendwann hatte ich die Netflix-Watchlist durchgeguckt und alle Lieblingsplatten gehört, dann wünschte ich mir die Uni zurück.
Ich studiere Fotojournalismus in Hannover. Als die Online-Vorlesungen begannen, habe ich recht schnell gemerkt, dass ich mit dieser Form des Studiums überhaupt nicht klarkomme. Ich brauche den Weg zur Uni, die genervten Blickwechsel mit den anderen, wenn sich der Kurs in die Länge zieht.
Als Ende des vergangenen Jahres schließlich der Auftrag von der ZEIT kam, meine Generation in Corona-Zeiten zu fotografieren, begriff ich die Relevanz des Themas erst so richtig und bekam Lust auf die Geschichte in ihrem ganzen Umfang. Plötzlich fühlte es sich an, als habe ich einen besonderen Blick auf die Dinge, als sei meine Perspektive vielleicht sogar relevant.
An Silvester fotografierte ich das erste Motiv: Der kleine Bruder meiner damaligen Freundin traf sich zum Jahreswechsel zum ersten Mal seit vielen Monaten mit seinen beiden besten Freunden. Als Preis fürs gemeinsame Zünden der Silberwirbel und Knallteufel vom letzten Jahr verbrachte er danach ein paar Tage in seinem Zimmer, vorsichtshalber unter Quarantäne. Das Essen ließ er sich vor die Tür stellen.
Von da an fotografierte ich immer wieder solche Szenen. Alle jungen Menschen in meinem Umfeld kamen als Protagonist*innen infrage, alle hatten eine Geschichte zu erzählen, für alle ist die Pandemie eine Ausnahmesituation. Auch die Freunde, die eigentlich fest im Leben standen, fingen plötzlich an zu wackeln. Es war nicht schwer, ihnen zu erklären, was ich für Bilder suche, wir alle waren mittendrin und wussten, wie es dem Anderen ging. Im Moment sammle ich für die Buchform des Fotoprojekts Tagebucheinträge von Jugendlichen aus meinem direkten Umfeld. Einige Sätze wiederholen sich. Es ist überraschend, wie ähnlich es uns in den letzten Monaten ergangen ist. Dennoch haben wir uns so alleine gelassen gefühlt.

Ich machte Fotos von Bekannten und Bekannten von Bekannten. Großteils waren es aber die Menschen, die ich monatelang vermisst hatte. Ich zog teilweise in deren WGs ein, fotografierte sie beim Kiffen und beim Mittagessen mit den Eltern. Oft war ich mehrere Wochen unterwegs und ging danach selbst in Quarantäne.
Gerade zum Beginn der Pandemie machte ich viele Fotos von der unausweichlichen Nähe, die das Zuhausesein mit sich brachte. Viele bekamen keine Luft mehr. Leute waren zurück zu ihren Eltern gezogen, raus aus der eben neu gewonnenen Freiheit. In WGs wurde es zu eng – nicht zuletzt auch durch das viele Alleinsein.
Die Pandemie scheint die unausweichliche Kraft zu haben, sämtliche inneren Konflikte ans Licht zu bringen. Dämonen, die man durch das richtige Umfeld und ausreichende Ablenkung gut im Griff hatte, brachen endlich frei und nahmen sich den Raum, der ihnen zusteht. Zum ersten Mal war ich damit konfrontiert, wie kaputt die Beziehung zu meinen Eltern ist. Ein ganzes Jahr lang sprach ich nicht mit meinem Vater.
Im Sommer kam für viele dann die große Freiheit zurück, für mich bedeutete er Rastlosigkeit. Ich geriet in einen Zustand wahnsinniger Produktivität. In wenigen Wochen fotografierte ich so viele Motive wie in dem ganzen halben Jahr zuvor.
Einige meiner Freund*innen hatten nach den Wintermonaten Probleme wieder Anschluss im sozialen Leben zu finden, mir ging es nicht anders. Das »Nicht wissen, wohin mit sich«, noch keine Ahnung haben, wo man sich festhält, wenn alles wackelt: Das ist vielleicht sowieso ein Teil des Zustands zwischen Kind und Erwachsensein. Corona wirkt hier als Katalysator. Die Anfangs erwähnte Botschaft an meine Eltern steckt inzwischen als Zeitdokument in einem Bilderrahmen. Er liegt in einer Umzugskiste in meinem neuen WG-Zimmer, in dem ich vor einem halben Jahr eingezogen bin. So richtig eingerichtet ist das Zimmer noch nicht. Manchmal fühlt es sich noch immer so an als wäre ich dort nur Zelten.

In Kürze finden Sie hier weitere Informationen zum Buchprojekt „zwischen den Jahren“